
Ich habe in einem kleinen Dorf in Indien gelebt, in Kadavendi. Sehr abgelegen, geprägt von Landwirtschaft und einem einfachen Leben. Mein Alltag spielte sich fast komplett auf dem Campus der Schule ab, an der ich gearbeitet habe. Sechs Tage die Woche Unterricht, danach Sport, Zeit mit den Schülern und oft auch die Abende in den Internaten. Die Schule hat mein Leben dort bestimmt – und gleichzeitig auch erfüllt.
Ich habe mich immer mehr in dieses Leben eingefunden. Aus dem Fremden wurde Vertrautes. Mein Zimmer fühlte sich irgendwann wie Zuhause an. Ich habe Beziehungen aufgebaut, Freundschaften geschlossen und bin ein Stück weit selbst Teil dieses Systems geworden. Man wird ein bisschen indisch – nicht indem man alles übernimmt, sondern indem man beginnt zu verstehen und zu akzeptieren.

Dabei war es für mich wichtig, offen zu bleiben. Ohne große Erwartungen anzukommen war wahrscheinlich das Beste, was ich tun konnte. So konnte ich vieles annehmen, ohne es sofort zu bewerten. Manches habe ich übernommen, anderes nicht – aber beides ist in Ordnung. Es verändert einen so oder so.
Der Alltag war intensiv. Man ist nie wirklich allein, immer Menschen um sich herum. Das ist schön, aber manchmal braucht man auch Ruhe, Zeit für sich, um zu reflektieren. Diese Balance musste ich erst finden. Aber genau darin liegt auch Entwicklung.
In der Schule habe ich unterrichtet, vor allem Sport und Englisch. Mit der Zeit wurde ich nicht nur Helfer, sondern Lehrer. Ich habe Verantwortung übernommen und meinen eigenen Weg gefunden, Dinge zu vermitteln – vor allem auch ohne Gewalt, die dort teilweise noch zum Alltag gehört. Vieles kann man nicht direkt verändern. Man ist Gast und muss seine Rolle kennen. Aber man kann vorleben, dass es auch anders geht.
Mein Glaube hat sich in dieser Zeit verändert und erweitert. Ich habe viel Kontakt zum Hinduismus gehabt, mich auch bewusst mit anderen Religionen auseinandergesetzt. Daraus ist für mich ein offeneres Verständnis entstanden. Ich glaube, dass man sich nur verstehen kann, wenn man sich kennt.

Sehr prägend waren auch die Reisen. Sie haben mir Indien noch einmal anders gezeigt – intensiver, vielfältiger. Genauso wichtig wie der Alltag im Dorf. Indien ist mehr als das, was man aus Medien kennt. Viel mehr.
Jeder Tag hat mich geprägt. Oft habe ich das Gefühl, gar nicht mehr genau zu wissen, wie ich vor diesem Jahr war. Und genau das zeigt vielleicht am besten, wie stark diese Zeit war.
Der Abschied fiel schwer. Dieses Leben einfach zurückzulassen, war ein harter Schnitt. Auch wenn ich wusste, dass es Zeit war. Jetzt bin ich wieder in Deutschland – und es ist vertraut und gleichzeitig fremd. Ich sehe vieles anders, hinterfrage mehr, nehme Dinge bewusster wahr.
Man bekommt mich aus Indien, aber Indien nicht mehr aus mir.